Aufzeichnung eines Stadtstreifers I

In meinen Ohren klingelt’s mal wieder, aber es ist kein himmlisches Halleluja. Vielleicht sind’s die Straßen, die nach mir rufen. Also gehe ich raus und schleiche umher, wie jemand, der nach Ärger sucht.

In einer Gasse lehnt so ’n Kerl an ‘ner Hauswand und fragt mich, ob ich ’ne Spritze will. Ich sage, dass ich sowas nicht mehr mache, aber der Kerl grinst nur, denn er weiß genau, dass ein guter Schuss nie weit entfernt ist und es nur eine Frage der Zeit ist, bis mein Fleisch die Nadel sucht.

In einer anderen Gasse steht eine junge Frau in einer geöffneten Eingangstür, barfuß, die Zehen blau lackiert, und raucht eine Zigarette. Als ich an ihr vorbeikomme wirft sie mir einen Handkuss zu und sagt: „Hey Süßer.“ Dem Kuss weiche ich aus und gehe schnell weiter. Ein LOVE SPELL ist das Letzte, das ich gebrauchen kann. Es gibt Männer, die unter dem Einfluss eines Liebeszaubers alles riskieren und alles verlieren. Hab sie schon gesehen. Sie umgibt ein Leuchten, wie es Engel umgibt. Doch wenn der Zauber von ihnen ablässt, dann verschwindet das Leuchten und die Männer werden grau und blass. Sie selbst verschwinden.

„Bist wohl auf der Suche.“

Jemand sagt das ganz plötzlich. Ein kleiner, alter Mann, der vor einem Hoftor auf einem Hocker sitzt und eine Pfeife stopft. Eines seiner Augen scheint kaputt zu sein. Er kneift es zusammen, und es sieht aus, als sei da gar kein Augapfel mehr in der Höhle. Mit dem verbleibenden offenen Auge blickt er direkt in meine Seele. Und dieser Blick erzeugt einen stechenden Schmerz in meiner Brust, als habe er dort etwas aufgespürt, das in mir versteckt bleiben wollte und jetzt noch tiefer in mich hineinkriecht. Ich sage, dass alle Menschen auf der Suche sind. Und wie alle Menschen wirst auch du dich dabei verirren, sagt der Alte und deutet mit seiner Pfeife auf mich. Ich gehe weiter, lasse den Alten auf dem Hocker sitzen. Das Stechen in meiner Brust aber bleibt.

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