Wer nicht an seinem Glück festhält, der hält an seinem Unglück fest. Und es gibt viele da draußen, die den Unterschied nicht kennen.
An einer Straßenecke steht jemand, steht einfach nur da. Vielleicht wartet er auf den nächsten Tag oder auf eine Antwort von Gott. Er trägt einen zerfledderten schwarzen Mantel, seine Haltung ist schief, wie die Haltung eines Mannes, der nicht weiß, ob er sich dem Leben nun vollends beugt oder ob er sich ein letztes Mal aufbäumt und auflehnt und aufschreit. Umso entschlossener bleibt er auf seinem Fleck stehen. Typen wie er gibt es viele da draußen, du kannst sie leicht erkennen. Sie kratzen sich unablässig am Arm, sie blicken nervös umher oder sind abwesend auf eine unheimliche Art. Als ich an ihm vorbeikomme murmelt er etwas. Vielleicht spricht er gerade einen Fluch aus und hängt mir das Verderben an. Vielleicht ist sein Murmeln ein Kommunikationsversuch, der scheitert.
Ich gehe weiter, will nicht hängen bleiben wie der Murmelnde an der Straßenecke. Vor mir ragen die Betongiganten empor. Die Straßen sind von ihnen umschlossen. Ich schaue auf zu den zahllosen Fenstern und den Zimmern, die dort im Verborgenen liegen. Ja, ich kenne die Enge dieser Zimmer. Ich kenne das Zischen des Heizkörpers, das Surren des Kühlschranks und das Flackern des Fernsehschirms. Ich kenne das plötzliche Poltern in der Nacht, das dir den Schlaf raubt. Ich kenne das Seufzen beim Blick auf das triste Straßengrau. Ich kenne die Ansammlung nutzloser Gegenstände, die sich einer Ordnung entziehen, die keinen Platz finden wollen. Ich kenne diese Rückzugsorte und Schutzräume, die doch niemanden vor dem heranschleichenden Wahnsinn bewahren. Schattenexistenzen werden in diesen Zimmern geführt.
Doch ich weiß: irgendwo da draußen gibt es auch Engel der Glückseligkeit, die leichtfüßig durch den Tag schreiten, dichtend und träumend, beflügelt von Bebop-Sound, verzaubert von Liebesdingen. Und ach, wäre ich nicht selbst gern einer von ihnen? Mich aber halten die Zwischenräume fest, die keinen Zweck haben, keinen Namen, wo keine Musik spielt, wo ich selbst verweile, namenlos, als Mann ohne Eigenschaft.