Aufzeichnung eines Stadtstreifers III

Unterwegs auf den Straßen ins Ungewisse.

Ich komme an einem Café vorbei, das mit rotleuchtendem Schriftzug lockt. Von außen kann ich in das Café hineinblicken. Am Fenster sitzt ein junger Mann. Meine Spiegelung im Fenster ist eine geisterhafte Erscheinung, die zwischen uns schwebt, unbeteiligt, lautlos, gefangen in einem Zwischenraum. Der junge Mann blickt nach unten. Seine blonde Mähne hängt ihm dabei ins Gesicht, als sei die Mähne nur dazu da sein Gesicht zu bedecken. Neben ihm auf der Sitzbank ruht eine Reisetasche, wie sie Anhalter bei sich tragen, wenn sie von einem Ort zum nächsten reisen. Der Bursche trägt über seiner Mähne einen altmodischen Kopfhörer, dessen Kabel in einen Walkman eingestöpselt ist, der wie ein Zauberkasten auf dem Tisch steht und eine Kassette abspielt. Ob es ein trauriger Song ist, der da läuft? Auch dieser Bursche ist unterwegs. Vielleicht flüchtet er. Vielleicht muss er etwas hinter sich lassen. Ein gebrochenes Herz oder falsche Ideale. Vielleicht ist er nur auf der Suche nach dem Leben, vom dem alle sprechen. Und gerade als ich wieder weitergehen möchte hebt der Bursche den Kopf und blickt mich an, als habe er die ganze Zeit gewusst, dass ich ihn beobachte. Ich nicke kurz, nicht zum Gruß, vielmehr als Bestätigung für etwas, das unausgesprochen zwischen uns bleibt. Auch er nickt kurz. Dann schaut er wieder nach unten und ich ziehe weiter zur nächsten Etappe meiner Route, die mich stets zu meinem Ausgangspunkt zurückführt. Und während ich weitergehe, kreisen meine Gedanken nur um eine Frage: welchen Song ich wohl hörte, säße ich jetzt an Stelle des jungen Burschen im Café.

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