Aufzeichnung eines Stadtstreifers IV

Umherstreifen im Geisterviertel. Hier schweigen die Straßen. Hier sind nur jene zu Fuß unterwegs, die alles hinter sich gelassen haben. Die Gespenster der Gesellschaft. Selbst die Luft ist ein Gespenst, das nur Abwesenheit in sich versammelt.

Vor dem Schaufenster eines leerstehenden Ladens bleibe ich stehen und betrachte mein Spiegelbild. Auch mein Spiegelbild wirkt wie eine geisterhafte Erscheinung. Ich fürchte mich davor zurückzutreten und zu sehen, wie es ein Eigenleben führt. Aber ich darf nicht hängenbleiben. Hier bin ich leichte Beute für Trübseligkeit. Also streife ich weiter und wandere doch nur durch verblassende Erinnerungen.

Gab es jemals eine gute Zeit?

Mein Atem wird flach, auch meine Hände verblassen. Ich entschwinde dieser Welt, entschwinde dem Straßengrau, werde selbst zum Geist, der Zuflucht findet in einer Gegenwelt. Die mit Brettern verschlagenen Fenster werden zu kleinen Bühnen, verspielt dekoriert, dort trällern Wundermenschen Lieder und rufen Passanten in den Straßen zu: „Lebt gefährlich! Redet verrückt!“ Die grauen, bröckelnden Fassaden werden zu Leinwänden der Manie verfallenen Künstler. Die verwahrlosten Höfe werden Lichtorte und Begegnungsstätten. Unter bunten Papierlaternen tanzen Verliebte, kreisen und taumeln Glückstrunkene. An Spieltischen fallen Würfel, werden Sieger bejubelt und Verlierer mit neuen Chancen getröstet.

Weiter erkunden will ich diese Gegenwelt, will mich kleiden wie Edelmänner und Dandys, will neue Namen finden für Straßen und Plätze, will selbst mit glühendem Atem Parolen in die Nachtluft ausstoßen, da holt ein Knall mich zurück in das Grau der Wirklichkeit. War es ein Schuss? Schlug eine Tür zu heftig zu? Zerplatzte abermals ein Traum? Ich schalte auf Fluchtmodus. Doch tief in mir hallen weiter die Stimmen der Gegenwelt.

„Leb ganzherzig!“ Ruft jemand. Es klingt nach einem Auftrag. Und wer wäre ich, lehnte ich diesen Auftrag ab?

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