Begegnung mit einem Stadtstreifer.
Ich erkenne ihn an der Art wie er geht. Absichtslos, ohne Eile, ohne Hast, die Hände in den Manteltaschen ruhend, den Blick in die Ferne gerichtet, wo die Straße auf einen Punkt zuläuft. Wir gehen aufeinander zu. Und kurz bevor wir aneinander vorbeigehen und uns wieder voneinander entfernen, nickt er. Auch ich nicke. Wir registrieren einander, als wollten wir uns gegenseitig Glück wünschen auf unserem Weg ins Ungewisse.
Auch ihnen begegne ich: den Sonderlingen, den Grenzgängern.
Ein kleiner Mann mit grauem Bart wühlt in den Papiertonnen, die draußen auf dem Gehweg stehen. Mit einem Arm vor seiner Brust geklemmt trägt er einen Stapel Zeitungen, Prospekte und Papierfetzen. Er trägt den Stapel behutsam wie einen Schatz. Als ich an ihm vorbeikomme hebt er seine freie Hand, will dass ich einschlage. Vielleicht will er seinen erfolgreichen Beutezug mit mir feiern. Aber darauf lasse ich mich nicht ein. Wer weiß in welchem Unrat seine Hände heute schon gewühlt haben. Stattdessen beuge ich meinen Arm, deute ihm an, dass er es mir gleichtun soll, und wir stoßen die Ellenbogen aneinander zum Gruß.
Ich ziehe weiter, auf der Suche nach dem nächsten Außenseiter.
Die überdachte Bushaltestelle auf der anderen Straßenseite erinnert an einen übergelaufenen Mülleimer. Dort sitzt ein hagerer Typ, das Gesicht kantig, die Augen in dunkle Höhlen zurückgedrängt. Er greift in die Innentasche seiner Jacke, holt eine Zigarettenpackung hervor, schaut dabei zu allen Seiten, als sei er im Begriff etwas Illegales zu tun, klemmt eine Zigarette zwischen seine Lippen und zündet sie an. Als ich an ihm vorbeikomme, hebt er den Arm, winkt. Er lässt den Arm oben, als wolle er sicher gehen, dass ich seine Geste keinesfalls übersehe. Im Gehen winke ich zurück, lasse auch meinen Arm länger oben, als ich es für gewöhnlich tun würde. Manchmal muss man eben gleichschalten.
Und während ich dem nächsten Outsider, dem nächsten Streetdog, dem nächsten Lonesome Traveller entgegenschreite, überdenke ich meine eigene Rolle in diesem Stück ohne Handlung. Die Stadt ist unsere Kulisse, und wir sind die Komparsen, die Statisten. Wir sind die Nebenfiguren, die nur eine Zeile aufsagen und für einen kurzen Moment über die Bühne huschen. Aber manchmal sind wir auch die Helden, die selbsternannten Protagonisten, die ihre eigene Handlung schreiben, ihre eigene Rolle entwerfen, und ihr Schauspiel aufführen, ohne Aussicht auf Applaus, ohne Verbeugung im Scheinwerferlicht.