Die Ankunft

Er schrieb auf einer Smith-Corona. Er schrieb am Tage und in der Nacht. Denn er musste schreiben. Etwa wuchs in ihm heran.

Er rauchte Reval-Zigaretten, rührte aber keinen Kognak an. Die Smith-Corona hatte er in einem entlegenen Bezirk erworben. Ein Hinterhof-Deal.

„Hierauf wurden Kriegsberichte verfasst.“ Hatte der Händler erklärt.

Das mechanisches Peitschen der Tastenschläge hallte im spärlich eingerichteten Haus. Es drang in jedes Zimmer vor. Aber außer ihm lebte niemand im Haus, der Notiz davon nehmen konnte. Und so wie niemand Notiz davon nahm, dass Worte, mächtiger als die Worte aller uns bekannter heiliger Schriften, mit jener Smith-Corona zu Papier gebracht wurden, so nahm auch niemand Notiz davon, dass jeder Satz, den er auf der Smith-Corona tippte, ein Portal weitete, durch das etwas Unaussprechbares zu uns gelangen würde. Etwas, das einst verbannt worden war, zu einer Zeit, lange bevor die Menschen Sprache kannten.

Der Knoten seiner Krawatte war akkurat gebunden. Mit den Händen strich er sein Jackett glatt. Und so zog er hinaus. Er ging sehr beherrscht, denn er wollte Nachbarn und Fremde allein durch seinen Gang erschaudern lassen. Doch das Gehen besaß darüber hinaus noch eine Kraft, die viel Größeres vermochte. Das Gehen weckte Bilder in seinem Bewusstsein. Bilder von beängstigender Wirkungsstärke. Sie erhoben sich vor ihm, wie neue, eintretende Wirklichkeiten. Er sah verschlungene Pfade, die durch urwüchsige Landschaften zu einem archaischen Labyrinth führten. Aus Stein gehauene Giganten wachten über ihren Pforten. Dornige Ranken erschwerten den Weg ins Innere des Labyrinthes. Sie besetzten das Mauerwerk und gruben sich ins Dickicht, wie Fangarme einer Bestie.

Er war überzeugt: hier spielte nicht seine Fantasie, hier bereiste sein Geist einen entfernten Ort, in einer längst vergangen Zeit. Und er spürte, dass dort, tief im Innern des Labyrinthes, etwas Vergessenes schlummerte, an das sich die Menschen wieder erinnern mussten.

So schrieb er also, hielt fest, was ihm zuteilwurde. Noch blieb ihm die Bedeutung seines Schaffens verborgen. Doch in ihm erwachte eine dumpfe Ahnung, die Satz für Satz zu leuchtender Klarheit erstrahlte. Und Satz für Satz tauchte er tiefer in ein Dazwischen, in dem nicht nur die Dinge unserer bekannten Welt existierten. Dort erlangt er Zugang zu einem Urwissen, das sich aus den tiefsten Schichten alles Existierenden nun in sein Bewusstsein erhob.

Und in einer wolkenverhangenen Vollmondnacht trat Gewissheit ein: sein Werk sollte noch in dieser Nacht beendet sein.

Er lauschte. Entsetzliches geschah draußen. Ein Grollen zog über die Stadt hinweg. Ein Grollen wie das Tosen von tausend Trommeln, die von wiedererwachten Legionen vorzeitlicher Reiche geschlagen wurden. Das Trommeln überspannte alles, breitete sich aus. Es verkündete, was die Menschen in ihrer Selbstbezüglichkeit, in ihrer Begrenztheit, in ihrer Trunkenheit nicht ahnten und auch nicht fürchteten: die Ankunft.

Seine Krawatte zurechtrückend, nahm er eine betont gerade Haltung ein, wie ein Mann, der auf einer großen Bühne saß und zu der gesamten Menschheit sprach.

Dann schrieb er seinen letzten Satz.

Hinterlasse einen Kommentar