PROLAND

Willkommen im PROLAND.

Hier herrscht nächtlicher Trubel unter grellem Kunstlicht. Hier sind die Augen weit aufgerissen. Hier klebt verschüttetes Bier auf dem Boden. Hier kommen die hin, die ihr Geschäft verstehen – die PROs. Und hier kommen die hin, die Zuflucht suchen – die Nachtschwärmer, die Dahintreibenden.

Das PROLAND ist ein Leuchtfeuer im dunklen Grau der nächtlichen Straßenzüge. Und zu später Stunde kann’s im PROLAND schnell mal brodeln, besonders wenn so ’n Typ wie der Kipp zu Gast ist. Denn der Kipp hat so manche Geschichte auf Lager.

Hört auf den Kipp, der weiß Bescheid!

„Hättet dabei sein sollen, beim großen Gegeneinander.“ Erzählt er und nimmt den letzten Schluck aus seiner Bierflasche. „Ich war dabei als die Leute nur noch darauf aus waren jemanden niederzuknüppeln. Manchmal haben sie zu zehnt auf einen draufgedroschen. Sah aus wie Ratten, die über ‘n anderes Tier herfallen.“ Er untermalt seine Erzählung, indem er den Boden der leeren Flasche mehrmals auf die Tischplatte knallt.

Der Kipp ist ‘n Typ, bei dem man lieber die Augen zusammenkneift. Er hat schütteres, zurückgekämmtes Haar, schwülstige Lippen und eine speckige Brille, die ihm ständig den Nasenrücken herunterrutscht und an der Nasenspitze hängenbleibt. Aber der Kipp weiß genau, was läuft. Der Kipp schaut genau hin. Ja, der Kipp hat so ’n Auge für die Dinge. Und in einer Nacht wie dieser erzählt der Kipp mal wieder eine Episode aus seinem Leben.

„Sie alle trugen den Ärger in sich. Versteht ihr? Und Ärger sucht stets einen Weg. Gab auch viele, die eine Dosis von diesem Ärger brauchten, die süchtig danach waren. Einen friedlichen Abend erträgt nicht jeder. Das bloße Dasein kann brutal werden. Eine Reiberei lässt dich das schnell vergessen.“

Um den Kipp herum sitzen die Jungs, schauen mit schwärmenden Blicken zu ihm auf. Sie haben noch keine Tätowierungen, keine Narben, keine zerbrochene Seele. Sie haben nur weiße, dünne Arme, die aus ihren kurzen Ärmeln herausragen. Und so sitzen sie da, hypnotisiert vom Kipp, der nicht müde wird ihnen ‘ne Geschichte zu erzählen.

„Rauch zog durch die Straßen. Alarmanlagen schrillten. Geschrei! Die ganze Stadt bestand aus Geschrei! Überall ging etwas zu Bruch. Eine Scheibe, ein Schädel. Jemand rannte knurrend umher, ein abgerissenes Ohrläppchen zwischen den Zähnen. Ein anderer zog ‘ne Gestalt hinter sich her. Ein blutiges, aufgeriebenes Etwas. Und ich wollte diesen Wahnsinn nur dokumentieren, wollte diese Metzelei mit meinen Augen fotografieren. Klar? Aber dann ging einer dieser Hunde auf mich los. Ich sah ihn kommen, wusste genau, dass er mich ausgesucht hat. Ich war also vorbereitet. Und ZACK! schnitt ich ihn auf. Ging schneller, als er verstehen konnte. Erst als er sein Blut auf meinen Klamotten sah, dämmert ihm, dass er da gerade auf den Falschen losgegangen war. Hatte wohl gedacht ich sei nur so ‘n Trottel, ‘ne leichte Beute.“

Der Kipp schiebt seine Brille nach oben, lässt sie auf seinem Nasenrücken hochgleiten. Die Gläser sitzen jetzt direkt vor seinen Augen, die dadurch wirken, wie etwas das in Einmachgläsern aufbewahrt wird.

„Ist nicht klar, wie das große Gegeneinander begonnen hatte. Ihr müsst verstehen, wie die Dinge so laufen. Manchmal wirft jemand einen Stein in die falsche Richtung und noch bevor ihr’s kapiert habt, brennt die ganze Stadt.“

Der Kipp hebt seine Hände hoch und lässt seine Finger tanzen, will das Lodern der Flammen darstellen. Er nimmt die Hände wieder runter, rückt noch einmal seine Brille zurecht und fährt fort:

„In der Nacht löste sich der Aberwitz schließlich auf. Die Leute wurden müde, waren verwundet oder hatten genug getobt. Sie krochen in ihre Löcher zurück, wo sie neuen Frust ansammeln konnten, für die nächste Schlacht.“

Die Jungs lauschen noch immer gebannt.

„Ist alles lange vor eurer Zeit passiert.“ Erklärt der Kipp. „Es waren die Jahre des Aufbegehrens, als noch Kraft und Wahnsinn ins uns steckte.“

Dann wird der Kipp still. Er hat genug erzählt. Wortlos bricht er auf und zieht weiter. Draußen wartet die Nacht, die so selig wirkt, im Kontrast zum grellen Licht und dem Trubel im PROLAND. Und als der Kipp kurz innehält, um eine Zigarette anzustecken, entdeckt er die Jungs, die hinter ihm auf der Straße stehen, aufgestellt in einer Reihe. Einer der Jungs nimmt all seinen Mut zusammen, tritt aus der Reihe hervor und sagt: „Wir wollen ihnen folgen.“

„Wird ’ne ungemütliche Tour für euch.“ Sagt der Kipp. Dann treten auch die anderen einen Schritt vor. Der Kipp nickt zustimmend. Und dann grinst er.

Hinterlasse einen Kommentar