Aufzeichnung eines Stadtstreifers VII

Wieder unterwegs auf den Straßen ins Ungewisse. Manchmal kommt mir jemand entgegen und dann bereite ich mich innerlich auf einen Kampf vor. Fiese Typen gibt’s überall. Hab schon von Jungs gehört, die jemanden nur für ‘nen Groschen aufknüpfen. Aber manchmal muss man auch darauf vorbereitet sein, dass man einem Menschen begegnet, der wie ein kleines Wunder ist, der nicht gähnt, der nicht mürrisch von Alltagsdingen spricht, der nicht auf ein besseres Morgen hofft oder das kleine Glück sucht.

Einem dieser Menschen begegne ich auf einem Platz, den ich nur hastig durchquere und dadurch zu einem Übergangsort reduziere. Er sitzt auf einer Bank, zurückgelehnt, die Beine übereinandergeschlagen, mit nach innen gerichtetem Lächeln, in die Ferne blickend, das Gesicht umrahmt von lockigen Haaren und einem Bart mit ergrauten Spitzen.

„Siehst talentiert aus.“

Er sagt das mit sanfter Stimme, und es klingt wie ein Kompliment, das man nicht annehmen will, weil man schon zu lange auf ein wohlwollendes Wort gewartet hat und nun nicht ertragen kann, dass es jemand so plötzlich ausspricht. Auch ich wehre mich, schüttle den Kopf und sage, dass ich gar kein Talent besitze und er genauer hinschauen soll. Er bittet mich neben ihm Platz zu nehmen.

„Lass uns genauer hinschauen.“

Seine geöffnete Hand deutet auf den Platz vor uns. Dort erkenne ich eine Häuserreihe mit Geschäften. Einige davon scheinen seit Jahren leer zu stehen. Ich erkenne das Kopfsteinpflaster, das den Raum zwischen den sich gegenüberliegenden Häuserreihen verbindet. In der Mitte des Platzes steht ein einzelner Baum, der dort wie ein Denkmal thront. Noch hängen Blätter an den dünnen Zweigen. Der nächste Sturm wird sie sicher herunterreißen.

Ich frage, was ich hier sehen soll. Doch ich weiß, dass es die falsche Frage ist. Ich soll tieferblicken, erklärt er. Mir ist nicht klar, was das bedeutet. Ich versuche es trotzdem. Ich schaue hinter die Schaufenster der Läden, versuche eine Ahnung davon zu erlangen, was sich hinter ihnen verbirgt. Ich schaue auf die kleinen Fenster der Etage über den Läden. Wohnt hier jemand? Schaut von dort jemand zu uns herab? Mit meinem Blick folge ich den Linien zwischen den einzelnen Pflastersteinen. Sie erinnern an winzige Straßen. Und alle führen sie zu dem Baum, der sich aus der Mitte des Platzes erhebt. Wie lange er da schon steht? Wie tief seine Wurzeln wohl ragen?

Ich lehne mich zurück, versuche mit meinem Blick das Ganze zu erfassen. Und da sehe ich die Menschen, die hier lebten. Ich sehe die Menschen, die diesen Platz überquerten, die Feste feierten, die lachten, die liebten, die froren, die mürrisch waren oder verzweifelt, geplagt von Hunger, geplagt von Angst. Zahllose Generationen sehe ich.

Ich schaue noch tiefer und erkenne den Raum, der all das miteinander vereint. Ein unteilbarer Raum, in dem die Dinge Gestalt annehmen. Und ich schaue in mich selbst hinein, suche nach den Konturen und Grenzlinien, wo mein Inneres auf mein Äußeres trifft, suche den Betrachter, der die Dinge betrachtet. Aber alles, was ich finde, ist dieser unteilbare Raum, der alles in sich versammelt.

Ich nicke, höre gar nicht mehr damit auf, als könnte ich so besser verstehen. Auch der Wundermensch nickt. Gemeinsam bleiben wir noch eine Weile sitzen, in die Ferne blickend, in uns hineinlächelnd.

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