Nachricht aus dem Zwischenraum IV

Auch das muss ich festhalten: Am letzten Tag des Jahres war der Himmel perfekt. Rotglühend überspannte er das Land. Und im Fernsehen spielten sie Beethovens Neunte. Nun trete ich hinaus in das Januargrau, wo ein eisiger Wind mein Gesicht zerschneidet. Durch die Straße weht der Geruch spät gezündeter Feuerwerkskörper und ein Fremder auf der anderen Straßenseite wünscht mir mit lauter Stimme ein Frohes Neues Jahr. Ich bewundere seinen Enthusiasmus. Mit noch lauterer Stimme grüße ich zurück, in der Hoffnung, dass etwas von seinem Enthusiasmus auf mich übergeht. Denn vor mir liegt ein weiteres Jahr, in dem ich nicht verschont sein werde vom öden Alltagsspiel, von der Unausweichlichkeit des Tatsächlichen, von wiederkehrenden Rückzugsimpulsen und heranschleichendem Wahnsinn. Aber ich weiß: zwischen all dem liegt auch die Möglichkeit für Lichtmomente, Wagemut und Heldentaten. Und getragen von dieser Zuversicht durchquere ich weiter das kalte Grau, in die Fenster der Häuser blickend und die Tannenbäume bewundernd, die noch festlich geschmückt in den Wohnzimmern stehen und beharrlich am Glanz der besinnlichen Tage festhalten.

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