I
„Willst ‘n Film?“
Die Frage kommt aus einer dunklen Ecke. Jemand sitzt dort und hat mich im Visier. Gerade heute bin ich aufgeschlossen für neue Wagnisse. Und warum nicht ‘nen Film einwerfen, von dem ich nicht weiß, welche Bilder er mir ins Gedächtnis brennen wird?
„Hab ’n paar blaue Filme. Oder wie wär’s mit ’nem esoterischen Trip?“
Die Flamme eines Feuerzeuges erhellt für einen Moment die dunkle Ecke und zum Vorschein kommt eine hässliche Fratze, die schon lange kein Sonnenlicht mehr gesehen hat. Gelblich-trübe Augen, aschfahle Haut. Zwischen den brüchigen Lippen steckt eine Zigarette, deren Spitze in die Flamme des Feuerzeuges eintaucht. Und als die Flamme erlischt, bleibt nur das Glimmen der Zigarette zurück. Rauch steigt aus dem Dunkel auf.
Ich sage, dass er mir einfach ’nen Film geben soll, und dass ich heute mal überrascht werden möchte. Denn heute will ich nur ein Gefäß sein, das protestlos aufnimmt, was ihm gerade jemand reinkippt. Ich will mich führen und verführen lassen.
Also reicht er mir einen Film. Seine kalte Hand ragt aus dem Dunkel. Ich greife schnell zu, aus Furcht, die Hand könne mich packen und in dieses Dunkel hineinziehen. Als ich gehe steigt noch einmal Rauch auf und schwebt durch den Raum, als wolle er mir folgen.
II
Der Film beginnt mit einem Ligeti-Chorwerk, das über einer nächtlichen Brachlandschaft schwebt. Zunächst flüstern die Stimmen nur leise, erheben sich dann allmählich zu einem lauten Wehklagen. Ich selbst schwebe mit ihnen als hüllenloses, ätherisches Wesen. Umgeben von dem Wehklagen treibe ich dahin, suche meinen eigenen Weg, will irgendwo ankommen, wo ich die Dinge mit Fingern berühre, wo Regentropfen meine Haut benässen, wo ich mit meinen Fußsohlen die Erde spüre.
Das langsam einsetzende Dämmerlicht zeichnet Umrisse der von Nacht verhüllten Brachlandschaft heraus. Kantige Felsen, Geröll und Staub. Es ist die Brachlandschaft einer suchtkranken Seele. Hier blüht nichts mehr. Hier herrscht Leblosigkeit. Ich schwebe über einem ausgetrockneten Wundenland, gezeichnet von Rissen, Schluchten und Kratern.
Beschleunigung setzt ein. Ich fliege über die sich endlos ausbreitende Landschaft hinweg, finde keinen Halt. Schneller und schneller fliege ich. Die Ödnis unter mir zerfließt zu einem erdfarbenen Fluss. Und ich rase dem Horizont entgegen, dem ich doch nicht näher komme.
Das Dämmerlicht wird allmählich durchdrungen von Morgenhelle. Der Horizont glüht, und langsam steigt dort ein roter Riese auf, ein allesvernichtender Gott, der sich über das Land erhebt. Alles hellt auf, alles verglüht in seinem gleißenden Licht. Auch ich bade in diesem Licht. Auch ich verglühe.
Und der Chor verstummt.
III
Schnitt zu einem Standbild.
Ein Zimmer aus einer längst vergessenen Erinnerung. Zugezogene Vorhänge, ein grauer Teppichboden. An der Wand steht ein klobiger Fernsehapparat mit braunem Gehäuse. Vor dem Gerät sitzt ein kleiner Junge auf dem Teppichboden. Der Fernsehschirm zeigt eine endlose Abfolge aufwühlender Bilder. Tötungsvorrichtungen, nackte Brüste, sich zersetzendes Fleisch. Allein sitzt der Junge, gebadet in kaltem Fernsehlicht, benebelt von der Bilderflut. Ich trete näher, will mit dem Jungen sprechen, doch da verstehe ich, dass ich es selbst bin, der da sitzt. Der kleine Junge, der ich selbst einmal war, sitzt vor mir auf dem Boden, gefangen von der Bannkraft des Fernsehschirms. Die Bilder flackern auf, bedecken sein Gesicht. Die Intervalle werden kürzer. Jeder neue Bildwechsel kommt schneller. Die Bilder können nicht mehr bewusst wahrgenommen werden. Als eine Abfolge heller Blitze rauschen sie herbei und erfüllen das ganze Zimmer mit flackerndem Licht. Der Junge rückt näher an den Fernsehschirm, geht ganz dicht heran. Mit seiner Hand berührt er die kalte und glatte Scheibe des Fernsehapparats. Seine Hand durchdringt langsam die Scheibe und verschmilzt mit dem Bild. Schließlich kriecht der Junge mit dem ganzen Körper in den Fernsehschirm hinein. Sein Kopf verschwindet darin, seine Arme verschwinden darin, sein Unterkörper, seine Beine. Und als mein kindliches Ich vollkommen im Apparat verschwunden ist, wird der Fernsehschirm schwarz. Das Zimmer ist nun dunkel. Doch in einer Ecke erkenne ich das Glimmen einer Zigarette. Rauch steigt auf und jemand fragt:
„Willst ‘n Film?“