Jenseits der Übergangszone

I

Randgebiet erkunden.

Hier werden die letzten Entscheidungen getroffen. Hier gibt es kein Zurück mehr. Und wohin sollte ich zurückkehren, wo doch alles Zurückliegende zunehmend in einem Nebel verschwindet? Ich vergesse, dass es andere Tage gab, andere Orte. Und egal an was ich mich erinnere, es kommt mir fremd vor. Lange Nachtfahrten über Autobahnen. Klägliche Schreibversuche an abseitigen Rasthöfen. Begegnungen mit Sonderlingen und Grenzgängern. Jemand bot mir auf der Straße Kokain an, ein anderer gab mir einen Schnaps aus. All das lasse ich hinter mir, während ich im Randgebiet umherstreife, wo jeder nächste Schritt in einen neuen Wirklichkeitsraum führen kann.

II

Der Randbezirk der Stadt scheint der geeignete Ort, um die äußerste Grenze zu suchen. Hier, wo mir die Dinge noch fremder erscheinen, als meine Erinnerungen, wo es anders duftet, wo jeder seine eigene Sprache spricht. Aus einem offenstehenden Fenster gellt ein Ruf, wie der Ruf des Muezzin. Doch es klingt viel mehr nach einem Wehklagen, als nach dem Aufruf zum gemeinsamen Gebet. In den Straßen locken Leuchttafeln mit Versprechungen. Sie locken in enger werdende Gassen, sie locken in Kaschemmen und Amüsierlokale. Sie locken in die Falle, wo es kein Vorwärts mehr gibt. Das Licht eines rotleuchtenden Schriftzuges lässt meine Hände unwirklich erscheinen. Ich möchte das glühende Rot von ihnen abstreifen, aber meine Hände gehorchen mir nicht. Auch sie erscheinen mir plötzlich fremd.

III

„Bist weit gekommen.“

Kommentar eines Grenzgängers, der selbst die Übergangszone verlassen möchte. Er versichert mir, dass der letzte Schritt der Schwierigste ist, aber dass jenseits der Übergangszone die Tage mit einem Lächeln beginnen und die Nächte erfüllt sind von heiligem Flüstern. Der Grenzgänger steht auf der obersten Stufe einer Treppe, die zum Hafen hinabführt, wo die Stege ins Wasser ragen und Boote darauf warten, dass jemand einsteigt und die Ferne sucht. Andächtig raucht er eine Zigarette, lässt den Rauch in der Nachtluft tanzen. Der letzte Schritt, das sagt er mir noch, bevor er die Zigarette auf dem Boden austritt, ist der Schritt über die innere Klippe. Dann steigt er die Stufen hinab und verschwindet unten am Hafen.

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