I
„Ab jetzt läuft hier ’n anderer Film!“
Ich nicke. Es ist ein Gesprächsfetzen, den ich beim Vorbeigehen aufschnappe. Zwei Straßenjungen parlieren auf dem Gehweg vor einem Tabakladen. Ich komme gerade im passenden Moment an ihnen vorbei. Denn auch bei mir läuft ein neuer Film.
Je weiter ich gehe, desto mehr zerfließt das Stadtbild zu einer Kulisse. Es hört auf ein narratives Element zu sein. Stattdessen unterstreicht es die Stimmung der Akteure. In den Einkaufsstraßen sind die Schaufenster noch festlich geschmückt. Warmes Licht umhüllt vorbeistreifende Passanten. Hier und da bleibt jemand stehen und verweilt in dem Licht, eingetaucht in seinen eigenen Film. Auch mich umhüllt noch festlicher Glanz, wie der Duft einer Geliebten, der an meiner Kleidung haftet. Umgeben von diesem Glanz gibt es keine Notwendigkeit für ein Vorwärtskommen. Ich bleibe bei den Schaufenstern, die wie Portale sind in schöne Welten fernab ermüdender Alltäglichkeit. Ich bleibe bei den stillgewordenen Straßen, auf denen das entfernte Klackern von Absätzen meine Neugier weckt. Umgeben von diesem Glanz ersehne ich nur eines: das Verzögern seines Verblassens.
II
Abtauchen in einen Film, wie er nach ‘nem Schluck Glückseligkeit abläuft.
Abendrot überdacht die Kapellen auf den Hügeln. Durch schmale Straßen gellen Jubelrufe wilder Jungs, und Bebop-Sound erfüllt die Nachtcafés. An abgelegenen Orten werden Liebesbekundungen ausgetauscht und Küsse geschenkt. Rauch liegt in der Luft – es brennen die alten Filme. Schluss mit bloßer Alltagsbewältigung! Schluss mit Trübsal und dem öden Leben! Die Weltuntergangsprediger schweigen, Hysteriker aller Couleur kommen zur Vernunft und das Kriegsgeschäft verzeichnet nur noch Verluste.
III
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Nahaufnahme rotglühender Lippen, geschwungen, wie sich aufbäumende Hügel einer Sehnsuchtslandschaft. Die Lippen formen Worte. Willst du mich? scheinen sie zu fragen.
Allmählich verblassen die Lippen. Vom Dunkel einer schwarzen Fläche werden sie verschlungen, bis nichts mehr von ihnen übrigbleibt. Anstelle eines Verführungsversuches tritt finstere Weite. In der Ferne, zunächst kaum wahrnehmbar, wagt ein zaghaftes Flackern Kontrast zu werden zur alleseinnehmenden Dunkelheit. Dem Flackern näherkommend, wird eine Gestalt offenbart. Im Schein einer brennenden Kerze sitzt sie auf einer Bambusmatte und wacht über das Licht. Ein uraltes Wesen in kindlicher Gestalt, mit Augen, die nicht von dieser Welt sind. Es schaut auf und fragt: „Willst du das Licht?“ Die Worte hallen, wandern durch die dunkle Weite, auf der Suche nach Antwort.
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Warten auf den nächsten Film.