FREE ZONE

I

Ankunft in der FREE ZONE.

Hier wird bei offenen Fenstern Liebe gemacht. Hier wird auch bei Nacht getrommelt und gelacht. Hier werden wagemutige Pläne skizziert und neue Tanzschritte einstudiert. Hier werden keine Trostpflaster verteilt. Hier bluten sich die Wunden frei.

In der FREE ZONE gibt es kein Zögern, kein Zweifeln. Hier wird nach Neuland gesucht. Und wer nicht aufbricht zu einer heiligen Mission, der erforscht den inneren Kosmos, wo es noch Geheimnisse gibt und das Echo des Schöpfergesanges hallt.

Ich komme gerade an, da werde ich schon mit einem Lächeln begrüßt. Es ist eine Frau, die lächelt. Sie steht an der Straße, an eine Hauswand gelehnt, als habe sie dort auf mich gewartet. Und sie sagt: „Na, auf was stehst ’n so? In der FREE ZONE ist alles erlaubt.“

Schweigen übermannt mich. Ich schweige nicht aus Verlegenheit. Ich fasse es als ernstgemeinte Frage auf, die eine gut überlegte Antwort erfordert. Schließlich sage ich, dass ich genau das herausfinden möchte. Sie zwinkert und sagt: „Das kriegen wir hin.“

II

Sie heißt Maya.

Maya ist experimentierfreudig und kennt jede Menge Tricks. Ein paar ihrer Tricks zeigt sie mir in einem schlicht möblierten Zimmer, das sie für eine Weile angemietet hat. Sie weiß, wie wir uns gemeinsam in neue Sphären aufschwingen und wieder unschuldige Engel werden. Ihr Atem glüht auf meiner Haut. Ihr Haar ist seidiger Stoff, mit dem ich mich umhüllen möchte.

Maya sagt, dass mein Chi festsitzt und sie es wieder fließen lassen kann. In kreisenden Bewegungen gleiten ihre Hände über meinen Körper, bis mein Empfinden nur noch von einem Pochen und Glühen erfüllt ist, als erwache in mir etwas, das ein eigenes Leben führt und schon bald Besitz von mir ergreifen wird.

In der Nacht sinken wir gemeinsam in den Schlaf, der von Träumen durchzogen ist. Und vielleicht teilen wir dieselben Träume miteinander, um uns auch im Schlaf nahe zu sein. Am nächsten Morgen aber verlassen wir wieder unsere gemeinsame Sphäre. Unsere Hände gleiten auseinander, und wir brechen in entgegengesetzte Richtungen auf, wo uns neue Abenteuer erwarten.

„Halt nichts fest.“ Sagt sie zum Abschied.

III

Ich mische mich unter die Boys.

Die Free Zone Boys reden wie sie wollen und wann sie wollen. Und viele von ihnen haben stets ‘ne Geschichte auf Lager. Geschichten von Wagemut und Verrücktheiten. Geschichten vom Kampf um die eigene Seele. Geschichten vom Aufbruch in die Weite und einem selbstgewählten Leben auf der Straße.

Die Free Zone Boys lachen. Und wenn sie nicht lachen, dann schweigen sie andächtig oder führen ernste Gespräche, wie sie Männer führen, die beseelt sind von der aufrichtigen Suche nach Wahrheit.

Die Free Zone Boys sind talentiert. Sie sind Kinder der Straße, leichtfüßige Akrobaten, Erschaffer des Schönen, Bewahrer vergessener Künste, Denker des Nochnichtgedachten.

Und sie nehmen mich in ihrer Mitte auf.

„Wir mögen deine Art zu denken.“ Sagt einer von ihnen. Ein anderer klopft mir freundschaftlich auf den Rücken und legt seinen Arm auf meine Schulter, als hätten wir gemeinsam die Nacht durchstreift. Ein Aufnahmeritual gibt es keines. Ich soll nur zu meinem Glück drei Mal in den Himmel spucken. Aber ich bespucke mich nur selbst dabei, und die Jungs lachen. Ich lache mit ihnen. Wer die FREE ZONE betritt, muss den alten Rotz loswerden und über sich selbst lachen.

IV

Mit den Boys ziehe ich los.

Wir durchstreifen die Zwischenräume, jenseits der Erlebnisstätten und Spaßfabriken. Wir machen sie zu unserem Revier, in dem uns selbst die unbedeutenden Dinge Anlass zum Jubel geben. Stufen werden zu Sitzplätzen und der gepflasterte Gehweg zu unserer Bühne. Ein Gemäuer, einst erbaut, um abzugrenzen und einzugrenzen, wird zur Herausforderung, mit der wir unsere Kletter- und Akrobatenkünste unter Beweis stellen.

Auf einer Anhöhe blicken wir in die Weite und erfüllen den heranbrechenden Abend mit unserem Gebrüll. Der Himmel wechselt die Farbe. Das dunkler werdende Blau über uns gespannt, rasen wir hinaus auf entlegene Straßen, aufgepeitscht von Panic Grooves und hypnotisierenden Rhythmen. Und als wir uns entladen haben, kehrt die Ernsthaftigkeit zurück. Denn nach dem Umherstreifen und dem Gebrüll werden wir wieder konfrontiert mit der Gewissheit, dass neue Tage auf uns warten, die mit Sinn angereichert werden wollen und uns zu Besonnenheit ermahnen.

Einer der Boys sucht das Gespräch. “Is’ nich’ so einfach, so ‘n Leben als Freezoner.“ Erklärt er mir. „Gibt nur Wenige, die lange durchhalten. Viele wollen wieder zurück… back to the land of the unfree.” Er lässt seine Hand in der Luft flattern, wie ein Vogel, der davonfliegt. Ob ich auch zurück möchte, will er wissen.

Wohin kehrte ich zurück, verließe ich die FREE ZONE? Zurück in die Enge schlecht gelüfteter Zimmer? Zurück zu den Isolationsschirmen? Zurück zum Theater der Sinne und Süchte? Zurück zu Falschspielern und Trickbetrügern? Zurück zum Wahnsinn der Massen?

Ich erkläre ihm, dass ich noch ’ne ganze Weile bleiben werde und verrückt genug sei mich auf die kommenden Herausforderungen zu stürzen. Er nickt zufrieden und sagt: „Ich seh schon: aus dir wird ‘n echter Freezoner.“

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