I
Ich mische mich unter die Boys.
Die Free Zone Boys reden wie sie wollen und wann sie wollen. Und viele von ihnen haben stets ‘ne Geschichte auf Lager. Geschichten von Wagemut und Verrücktheiten. Geschichten vom Kampf um die eigene Seele. Geschichten vom Aufbruch in die Weite und einem selbstgewählten Leben auf der Straße.
Die Free Zone Boys lachen. Und wenn sie nicht lachen, dann schweigen sie andächtig oder führen ernste Gespräche, wie sie Männer führen, die beseelt sind von der aufrichtigen Suche nach Wahrheit.
Die Free Zone Boys sind talentiert. Sie sind Kinder der Straße, leichtfüßige Akrobaten, Erschaffer des Schönen, Bewahrer vergessener Künste, Denker des Nochnichtgedachten.
Und sie nehmen mich in ihre Mitte auf.
„Wir mögen deine Art zu denken.“ Sagt einer von ihnen. Ein anderer klopft mir freundschaftlich auf den Rücken und legt seinen Arm auf meine Schulter, als hätten wir gemeinsam die Nacht durchstreift. Ein Aufnahmeritual gibt es keines. Ich soll nur zu meinem Glück drei Mal in den Himmel spucken. Aber ich bespucke mich nur selbst dabei, und die Jungs lachen. Ich lache mit ihnen. Wer die FREE ZONE betritt, muss den alten Rotz loswerden und über sich selbst lachen.
II
Mit den Boys ziehe ich los.
Wir durchstreifen die Zwischenräume, jenseits der Erlebnisstätten und Spaßfabriken. Wir machen sie zu unserem Revier, in dem uns selbst die unbedeutenden Dinge Anlass zum Jubel geben. Stufen werden zu Sitzplätzen und der gepflasterte Gehweg zu unserer Bühne. Ein Gemäuer, einst erbaut, um abzugrenzen und einzugrenzen, wird zur Herausforderung, mit der wir unsere Kletter- und Akrobatenkünste unter Beweis stellen.
Auf einer Anhöhe blicken wir in die Weite und erfüllen den heranbrechenden Abend mit unserem Gebrüll. Der Himmel wechselt die Farbe. Das dunkler werdende Blau über uns gespannt, rasen wir hinaus auf entlegene Straßen, aufgepeitscht von Panic Grooves und hypnotisierenden Rhythmen. Und als wir uns entladen haben, kehrt die Ernsthaftigkeit zurück. Denn nach dem Umherstreifen und dem Gebrüll werden wir wieder konfrontiert mit der Gewissheit, dass neue Tage auf uns warten, die mit Sinn angereichert werden wollen und uns zu Besonnenheit ermahnen.
Einer der Boys sucht das Gespräch. “Is’ nich’ so einfach, so ‘n Leben als Freezoner.“ Erklärt er mir. „Gibt nur Wenige, die lange durchhalten. Viele wollen wieder zurück… back to the land of the unfree.” Er lässt seine Hand in der Luft flattern, wie ein Vogel, der davonfliegt. Ob ich auch zurück möchte, will er wissen.
Wohin kehrte ich zurück, verließe ich die FREE ZONE? Zurück in die Enge schlecht gelüfteter Zimmer? Zurück zu den Isolationsschirmen? Zurück zum Theater der Sinne und Süchte? Zurück zu Falschspielern und Trickbetrügern? Zurück zum Wahnsinn der Massen?
Ich erkläre ihm, dass ich noch ’ne ganze Weile bleiben werde und verrückt genug sei mich auf die kommenden Herausforderungen zu stürzen. Er nickt zufrieden und sagt: „Ich seh schon: aus dir wird ‘n echter Freezoner.“