Die erfundenen Zimmer

DAS VERWANDLUNGSZIMMER

von A.M.N.

I

Dein Slip liegt noch auf dem Boden, wie Haut die niemandem gehört. Bist du zu hastig aufgebrochen? Oder wolltest du nur etwas von dir zurücklassen? Auch das Kopfkissen trägt noch deinen Duft. Ich atme diese süßen Erinnerungen, ein letztes Mal, dann vergesse ich deinen Namen – das ist Teil des Spiels.

Mein Blick fällt aus dem Fenster, fällt auf die Straße, dort tanzen Regentropfen traurig-schön. Plötzlich bin ich der Fremde in diesem Zimmer, in dem so viele vor mir fremd geworden sind. Ich bin der Fremde in diesem Leben, vergesse sogar meinen eigenen Namen.

II

Manchen Zimmern merkt man es an, eine heimliche Art der Einsamkeit, sie lauert in einer Ecke, aber du kannst sie nicht orten. Andere Zimmer sind von etwas Erhellendem und Glückseligem erfüllt, wie nach einer zärtlichen Liebesnacht. Sie spielen ihr eigenes Spiel. Du schlüpfst in sie hinein, wirst jemand anderes, wirst eine neue Möglichkeit. Und wer bleibt zurück, wenn das Spiel endet?

III

Die leeren Weingläser auf dem Tisch, das zerwühlte Bett – wie flüchtig all das wirkt. Wie flüchtig ein Leben sein kann. Dann aber gibt es Menschen, die haben mehr als ein Leben gelebt, haben stets den Sprung gewagt, von einem Leben ins nächste.

Ich selbst stehe nun auf einer Schwelle. Dieses Zimmer ist mein Übergang. Das alte Leben ist geatmet. Wenn ich gehe, die Tür hinter mir zuschlage und aufbreche, raus in den reinigenden Regen, dann wartet ein neues Leben auf mich, ein neuer Name, ein neues Spiel.

DAS VERTRAUTE ZIMMER

von Lutz Brien

I

Eben kam ich ins Zimmer. Alles war noch wie vorher, der Tisch, der Stuhl, das schmale Bett… ich drehte die Heizung hoch, mich fror. Auf dem Tisch lag ein Kuvert, darin – ich suchte nach dem Wort – eine Aufforderung, mich einem kleinen Haufen Narren anzuschließen, die auf den Weltuntergang warteten. Traurige Narren! Heute war mir nicht danach, mich mit dem Ende abzufinden. Ich blickte in den Spiegel, der neben der Tür an der Wand hing. War das ich? Da grinste jemand ganz unverschämt. Schien eine gute Nachricht bekommen zu haben. Die Heizung gluckerte. An einem solchen Tag, da andere von Untergang träumen, träume ich von Erdbeeren und Pfirsichen. Da ist noch Leben, auch in solch einem kargen, zweckmäßigen Zimmer. Ich werfe mich aufs Bett und versinke in der Betrachtung der Zimmerdecke, von Stuck und Spinnweben.

II

Hört mich jemand? Eben war mir so, als klopfte jemand an die Tür. Doch es war wohl nur der Wind. Ich will wieder schreiben. Der Wasserhahn tropft. Ich lege einen Schwamm darunter, dann höre ich nichts. Dabei wäre mir Lärm jetzt lieber. Etwas, um meine Gedanken zu übertönen. Die sind zu einsam. Wenn doch jemand käme. Allein, ich, das Zimmer, keine Flucht, nirgends. Ich stürze ans Fenster, doch ich sehe nur den unbelebten Hinterhof, graue und grüne Mülltonnen, ein kaputtes Fahrrad. Keine Rettung. Gibt es hier irgendetwas, womit ich mich ablenken könnte? Es ist so karg hier. In meiner Jacke? Eine Tüte Bonbons. Wenigstens das, etwas Süße an einem bitteren Tag.

III

Verzeih mir, ich sprach von meinem Zimmer, dabei ist es so wenig mein Zimmer wie das der vielen anderen, die schon darin wohnten… die ich nicht kenne, so wenig, wie ich dich kenne, auch wenn du mir vertraut bist. Das Zimmer ist mir vertrauter, als du es bist, da der Stuhl, der Tisch, doch keines dieser Dinge riecht wie du… ich weiß nicht, wie lange ich noch hier sein werde, bis eben die Arbeit getan ist…

DAS UNSICHTBARE ZIMMER

von Paul Blau

I

Mein Zimmer ist unsichtbar und nicht zu orten. Nur wenn ich meinen Kopf öffne, und die Vögel, die Flirrevögel, ihr Nest darin bauen, dann ist es zum Greifen nah und immer und nie von dieser Welt.

Die Schachtel, in der ich meine Jahre aufbewahre, lasse ich draußen auf dem Flur zurück. Ich betrete den Raum ohne Alter, zeitlos, ich schulde der Zeit nicht eine Sekunde meines Daseins, denn ich betrete dieses Zimmer als ein anderer, den es vor mir niemals gab.

II

Es gibt das alles, tausend Zimmer in schmucken Städten, in Bahnhofsnähe, in heruntergekommenen Vierteln, wo nur die Krähen zu Hause sind, in Palästen, die von Königen bewohnt werden, vom Rascheln der Kleider und von hingetupften Worten, die klingen wie der Geschmack von Vanille, die klingen wie Perlen. Es gibt das alles, auch die Hütten im Dunkel davor, wo die Bediensteten hausen in ihren abgetragenen Kleidern vor ihren Töpfen mit geschmorten Innereien, die sie aus dem Abfall gezogen haben. Es gibt das alles. Ich kann es mir aussuchen. Ich kann hüpfen und fliegen und tanzen, je nachdem, wie mir ist. Ich kann leiden und hungern. Ich kann alles. Ich habe ein Blatt Papier in der Hand. Wie mächtig ich doch bin in dem Wort, das mir entschlüpft, das aus mir herausbricht, herausspricht, ob ich will oder nicht. Manchmal entkommt es, obwohl ich es doch zurück behalten wollte. Seis drum. Morgen wird das Wort wieder neu geboren. Wie jeden Tag. Zum Glück sind die Wände weiß. Und der Bleistift ist spitz genug, um mich an einer verschwiegenen Stelle, die du nur zufällig entdeckst, in Erinnerung zu rufen.

III

Ich schließe die Tür. Ich gebe mir einen neuen Namen. Ich spiele mit dem unbekannten Versteck. Ich spiele mit dem Neubeginn. Ich schließe die Tür für heute. Ich räume mich hinaus. Ich hauche in den Spiegel, um mein Gesicht unkenntlich zu machen. Hinter mir liegt nur das, was ich war. Vor mir liegt die Reise, die morgen beginnt.

Ich brauche keine Zimmernummer. Ich brauche keine Gebrauchsanweisung. Ich brauche noch nicht einmal einen Straßennamen. Hier, wo ich schreibe, wirst du gegenwärtig und wahr. Hier auf diesem Blatt Papier jenseits der Sperrstunde, wo die Zeitrechnung aufhört.

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