Ravel

I

Du betrittst deine Wohnung. Der Geruch ist dir vertraut, obwohl du dich sofort wieder davon abwenden möchtest. Aber wohin solltest du gehen? Die tristen Straßen draußen erträgst du noch weniger.

Hier drinnen, wo das Licht mehr verheimlicht, als es offenbart, ist die Luft schwer. Du atmest dein Schicksal, das mit jedem Atemzug beharrlicher an dir haften bleibt.

Wie jeden Abend legst du ein Klavierstück von Ravel auf. Das Knistern der Schallplatte verschmilzt mit den träumerisch-verspielten Klängen. Du denkst an ein wärmendes Kaminfeuer. In deiner Wohnung gibt es nur einen verstaubten Heizkörper, der nicht genug Wärme abstrahlt. Du frierst, und das schon seit Jahren.

Du kannst dir nicht viel leisten. Noch nicht einmal die Verzweiflung. Umso mehr schätzt du die kleinen Wunder, die andere nur für Plunder oder Gerümpel halten.

Du lässt dich auf deinen Sessel nieder, drückst dich ganz tief rein, als würdest du dich nie wieder daraus erheben wollen. Du lauschst der Musik, und die Nacht zieht an dir vorbei, dein Leben zieht an dir vorbei, alles zieht an dir vorbei, wie ein Film, der zu schnell durch den Projektor läuft.

Du hast schon so viel mitgemacht. Schlecht bezahlte Jobs, ereignislose Abende in Kneipen und Beschimpfungen auf offener Straße. Du hast Miller im schwachen Licht einer Tischleuchte gelesen und einmal auch etwas von Nietzsche. Du hast Bohnen direkt aus der Dose gegessen. Und einmal hast du dich auf der Straße geprügelt. Nicht weil du es wolltest, sondern weil du jede andere Alternative weniger ertragen hättest.

Aber wenn du hier in deinem Sessel sitzt und dem Klavierstück von Ravel lauschst, dann schwebt all das davon, wie ein Traum, aus dem du erwachst und den du sofort wieder vergisst. Stattdessen lässt du neue Träume erblühen, erinnerst dich, dass es sie gibt, dass es sie noch immer gibt, und lässt dich sanft von ihnen umhüllen. Etwas öffnet sich. Du kannst es gar nicht klar benennen. Aber du trittst ein, so wie du ein Zimmer betrittst. Es ist ein prachtvoller Saal, goldschimmernd vom Glanz der vergessenen Jahre.

Du verweilst in deinem Traum, schwebst darin. Doch als die Musik endet und der Tonarm des Plattenspielers in seine Ruheposition zurückkehrt, da kehrt auch alles zurück, was du vergessen wolltest: die Schwere des Körpers, die Enge der Wohnung und die Erinnerung an das eigene Schicksal.

II

An einem anderen Abend läufst du die Straße entlang, auf dem Weg nach Hause, da kommt dir eine Frau entgegen. Schlank, brünett, das Dekolletee zu weit geöffnet. Mit klackernden Schuhen kommt sie direkt auf dich zu. Du magst diese Direktheit nicht.

„Können Sie mir helfen?“ Fragt sie. „Er springt nicht an.“ Sie deutet auf einen Wagen, der am Straßenrand steht. Ein champagnerfarbener Ford. „Mein Freund wird sauer, wenn ich zu spät komme.“ Du hast selbst schon mal an einem Wagen geschraubt. Bestimmt liegt es an der Batterie, denkst du. Aber du verweigerst deine Hilfe. „Ist nicht persönlich gemeint“, sagst du. Du willst nur nicht an Dingen herumwerkeln, die dir nicht gehören. Also gehst du weiter. Und sie wirft dir mit schriller Stimme Beschimpfungen hinterher.

Zu Hause legst du wieder das Klavierstück von Ravel auf. Nichts öffnet sich. Keine Träume erblühen. An manchen Tagen ist das so. Du versuchst diesen prachtvollen Saal vor dir zu sehen. Doch du siehst nur dich selbst. Alt sind deine Hände geworden. Kein Gold. Kein Glanz.

In der Nacht träumst du von der Frau, der du auf der Straße begegnet bist. Im Traum sieht sie anders aus. Im Traum lächelt sie. Und im Traum hilfst du ihr. Du lässt den Wagen an, aber es klickt nur. Ein Klicken, wie wenn jemand das Schloss zu einem Verließ öffnet. Du entriegelst die Motorhaube, gehst nach vorne und als du die Motorhaube öffnest fliegt dir ein Schwarm schwarzer Schmetterlinge entgegen, steigt empor und tanzt mit den Abendlichtern der Stadt. Der Motorraum ist leer, als hätte der Wagen niemals etwas besessen, das ihn antreibt.

III

Wieder ein Nachtjob. Automaten auffüllen im Geister-Viertel. Du machst deinen Job, mechanisch, routiniert. Deine Gedanken aber sind bei deinem Traum. Es ist ein Traum, den du nicht vergisst, weil das Traumbild einen Abdruck hinterlassen hat – irgendwo, in deinem Geist, in deiner Seele.

Den letzten Automaten hast du befüllt. Du verschließt ihn wieder, trittst zurück und bewunderst die Ordnung. Alles in dem Automaten hat seinen festgelegten Platz. Du fragst dich, ob du deine Sache gut gemacht hast. Und du fragst dich, ob du diese Sache noch besser machen kannst, ob du wirklich gut darin sein kannst, und ob es jemand bemerken würde.

Du denkst dir, dass jeder gut in etwas sein sollte.

Zu Hause kramst du in einer Kiste, suchst nach deinen alten Büchern. Du willst sie noch einmal lesen, aber auf neue Weise. Du willst nicht einfach nur die Wörter lesen. Du willst mehr. Dann denkst du darüber nach deinen Traum von den schwarzen Schmetterlingen aufzuschreiben. Und du denkst darüber nach dir neue Träume zu erfinden.

Dann hörst du noch einmal Ravel.

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