Der Reisende

„Manche Menschen verschwinden einfach, haben nie existiert.“

Der Reisende notierte das in einem kleinen Notizbuch, das er stets bei sich trug. Draußen begann der Tag. Alles folgte den gewohnten Wegen. Die Läden in der Innenstadt wurden geöffnet, Menschen hetzen zum Bahnsteig, um noch ihren Zug zu erwischen. Der Obdachlose packte sein nächtliches Lager zusammen und zog weiter, während die Möwen über dem Hafen kreisten und das morgendliche Grau stur am Himmel hängen blieb.

Er saß im Restaurant eines Hotels, dessen orientalischer Flair ihn noch fremder an diesem Ort fühlen ließ, als er sich sowieso schon fühlte und von wo aus er das Erwachen der Stadt verfolgen konnte. Eier und Speck waren ganz passabel. Aber sein Kaffee war zu schnell kalt geworden. Er ließ sich daher frischen Kaffee nachschenken. Doch das machte ihn nicht zufriedener. Es musste das Grau sein, das an diesem Morgen über der Stadt hing, das seine Stimmung trübte.

Doch wenn er in sich hineinhorchte, dann erkannte er, dass es der Gedanke an das Verschwinden war, der ihn betrübte. Ihm war nicht klar, woher dieser Gedanke kam. Sein Notizbuch war gefüllt mit rätselhaften Gedanken. Doch keiner dieser Gedanken betrübte ihn mehr als dieser. Er nahm noch einen Schluck vom Kaffee, versuchte nur bei dem bitteren Geschmack zu bleiben. Je mehr er von dem Geschmack wahrnahm, desto bewusster wurde ihm, dass er selbst existierte. Und je bewusster ihm wurde, dass er existiere, desto größer wurde sein Unbehagen. Es wucherte in ihm, wuchs. Vielleicht würde es ihn eines Tages vollkommen einnehmen.

Er beendete sein Frühstück und brach zu einem Spaziergang auf. Passanten kreuzten seinen Weg, verschwanden in Boutiquen und Geschäften. Hektisch huschte alles an ihm vorbei. Der Tag war ein geheimnisvoller Fluss, der nie zur Ruhe kam. Das entfernte Kreischen einer Möwe, eben noch präsent, ging in diesem Fluss verloren, genauso wie das flüchtige Lächeln einer Passantin. Eben waren die Dinge noch sehr gegenständlich, einen Augenblick später existieren sie nur noch als etwas Vages, das sich nicht mehr greifen ließ. Selbst die Erinnerungen des Reisenden verloren an Gestalt.

An der Uferpromenade waren die Bänke unbesetzt. Zu frisch war es noch, um entspannt im Freien zu sitzen und auf das Wasser zu blicken. Dem Reisenden kam das sehr gelegen. Er suchte die Abgeschiedenheit. Und er suchte diese morgendliche Frische, sie schien ihm beständiger als das städtische Treiben. Er fand einen Platz, an dem er von der Frische vollkommen umhüllt werden konnte.

Er betrachtete seine Hände. Sie waren sehr blass an diesem Morgen. Es musste an der Frische liegen. Doch je länger er seine Hände betrachtete, sie drehte und wendete (sich versicherte, dass sie tatsächlich existierten) desto mehr gewann er den Eindruck, dass sie nicht einfach nur blass waren, sondern allmählich transparent wurden. Er hob seine Hände in die Höhe und schien durch sie hindurch das Grau des Himmels zu erblicken.

Plötzlich begriff sich der Reisende selbst als etwas Flüchtiges, so wie das Kreischen der Möwe etwas Flüchtiges war, so wie das Lächeln der Passantin etwas Flüchtiges war. Er stand auf und ging ein paar Schritte. Sand knirschte unter den Sohlen seiner Schuhe. Auch das Knirschen war etwas Flüchtiges. Er lief schneller. Seine Aufmerksamkeit blieb dabei auf seine Schritte gerichtet. Und er lief weiter, einfach weiter. Die Cafés füllten sich. In den Geschäften klingelten die Kassen. Und der Himmel blieb grau.

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